Die Führung in Ankara baut systematisch ihre Kontrolle über Nordsyrien aus – die Kurden warnen vor türkischen „Annexionsplänen“

Original Article, by Thomas Seibert, on July 20 2020

Es ist ein klares Signal. Seit Monaten werden Soldaten, Waffen und Panzer aus der Türkei in die umkämpfte syrische Provinz Idlib verlegt. Nun schickt die Regierung in Ankara säckeweise Geld hinterher.

Das hat seinen Grund: Die Türkei führt ihre Lira dieser Tage in Idlib als offizielles Zahlungsmittel ein. Gehälter von Angestellten der Provinzverwaltung werden bereits in Lira bezahlt statt in syrischen Pfund.

Geschäfte und Tankstellen in der Region an der türkischen Grenze zeichnen ihre Preise Medienberichten zufolge in türkischer Währung aus. Ankara verteilt vor allem kleine Scheine und Münzgeld, damit die rund drei Millionen Menschen in Idlib die Lira im Alltag nutzen können.

Seit Präsident Recep Tayyip Erdogan im Februar seine Truppen nach Idlib schickte, um einen Vormarsch syrischer Soldaten zu stoppen und einen neuen Flüchtlingsansturm in die Türkei zu verhindern, steht der nordwestliche Teil der Provinz – die letzte Hochburg der Gegner von Herrscher Baschar al Assad – unter der Kontrolle Ankaras.

Die Kaufkraft soll gestärkt werden – sagt Ankara

Dass nach der Armee jetzt auch die Währung aus der Türkei nach Idlib kommt, wird mit dem drastischen Kursabsturz des syrischen Pfundes begründet: Allein seit April hat die Währung rund 70 Prozent an Wert verloren.

In Idlib solle mithilfe der Lira die Kaufkraft der Menschen gestützt werden, sagte der Chef der von der Türkei unterstützten syrischen Exilregierung, Abdurrahman Mustafa, der Nachrichtenagentur Anadolu.

In Afrin protestieren die Menschen gegen die gewalttätigen Übergriffe islamistischer Milizen, die mit Ankara verbündet sind.
In Afrin protestieren die Menschen gegen die gewalttätigen Übergriffe islamistischer Milizen, die mit Ankara verbündet sind.Foto: Delil Souleiman/AFP

Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Brot werden in Idlib ab sofort in Lira berechnet, wie Mustafa mitteilte. Auch einige Privatbetriebe in der Gegend bezahlen nach seinen Angaben ihre Mitarbeiter in türkischer Währung.

„Die Türkei versucht schon seit einer Weile, ihren Einfluss in den von ihr kontrollierten Gebieten in Syrien institutionell zu verstetigen“, sagt Nahost-Experte Joe Macaron vom Arab Centre in Washington. Die Schwäche des syrischen Pfundes und neue US-Sanktionen gegen Syrien, die diese Woche in Kraft traten, verliehen diesen Bemühungen nun zusätzlichen Schwung.

In anderen Gegenden Nordsyriens, die nach vier türkischen Militärinterventionen in den vergangenen Jahren unter der Kontrolle Ankaras stehen, wird die türkische Währung teilweise bereits seit Wochen benutzt.

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Verteilt wird das Bargeld über das türkische Postamt PTT, das zehn Filialen auf syrischem Gebiet unterhält. Auch andere Entwicklungen zeigen, wie eng die Verbindungen zwischen diesen Gegenden und der Türkei sind.

In Nordsyrien werden Lebensmittel bereits mit türkischer Lira bezahlt.
In Nordsyrien werden Lebensmittel bereits mit türkischer Lira bezahlt.Foto: Rami al Sayed/AFP

So hängt die syrische Stadt Dscharablus, die vor vier Jahren von der türkischen Armee eingenommen wurde, am türkischen Stromnetz. Ziel der Interventionen war es, das Autonomiegebiet der syrischen YPG in Nordsyrien zu zerschlagen; Ankara betrachtet die Kurdenmiliz als Terrororganisation und Bedrohung für die nationale Sicherheit. Der Militäreinsatz richte sich allein gegen diese Gruppe und nicht gegen die Kurden an sich, betont Ankara. Sie habe keine territorialen Ansprüche in Syrien.

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Die Einführung der Lira bindet das Gebiet in Nordsyrien aber erst einmal noch enger an die Türkei. Mit der Lira ist auch die Bezahlung pro-türkischer Milizen wie der Syrischen Nationalarmee (SNA) für Ankara einfacher.

Allerdings erfordert die Einführung der türkischen Währung ein gewisses Maß an Zusammenarbeit der Türkei mit der islamistischen Gruppe HTS, die Verbindungen zum Terrornetzwerk Al Qaida hat und große Teile von Idlib beherrscht. Offiziell stuft Ankara HTS als Terrorgruppe ein.

Die Kurden sprechen von einer „Türkifizierung“

Gegner der türkischen Präsenz in Syrien werfen der Türkei vor, sie wolle sich Teile des südlichen Nachbarlandes einverleiben. Die Türkei betreibe die „Annexion ganzer Teile des syrischen Territoriums“, sagt Thomas McClure vom Rojava Information Center, das der YPG-Verwaltung im östlichen Teil von Nord-Syrien nahesteht. In den Gebieten sei eine „Türkifizierung“ im Gange, bei der Kurden und andere Bevölkerungsgruppen vertrieben würden.

Grafik: Bartel

Der Vorwurf bezieht sich besonders auf die mit der Türkei verbündeten Milizen, die als Helfer Ankaras in Nordsyrien aktiv sind. Einem UN-Bericht zufolge leiden die Menschen in der Region Afrin, die seit zwei Jahren von türkischen Truppen gehalten wird, unter „willkürlichen Festnahmen, Inhaftierungen und Plünderungen“.

s gebe starke Hinweise darauf, dass bewaffnete Gruppen zudem für Geiselnahmen und Folter verantwortlich seien. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete kürzlich, ein Milizionär der Ankara-treuen „Sultan Murad Division“ habe in Afrin ein Mädchen vergewaltigt und gezwungen, ihn zu heiraten.