Im Norden Syriens leiden Minderheiten wie die Christen unter der türkischen Offensive. Auch sie fühlen sich verraten. Nicht nur Männer bereiten sich auf den Kampf vor.

Nisha Gorie, die Sprecherin der Fraueneinheit des Militärrats der Suryoye, im Trainingslager in Tell Najam © Andrea Backhaus für ZEIT ONLINE

Original article by Andrea Backhaus, Zeit online. November 14th, 2019

Seit dem Einmarsch der türkischen Truppen hat sich die Lage im Nordosten Syriens dramatisch verändert. In Städten und Dörfern der Region kämpfen türkische und kurdische Truppen um die Kontrolle, an manchen Orten rücken Soldaten des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und seine russischen Verbündeten vor. Zivilisten, Ärzte und Helfer geraten unter Beschuss. Hunderttausende Menschen sind vor den Kämpfen auf der Flucht. Unsere Reporterin Andrea Backhaus ist in Nordsyrien.

In Tell Tamer kann man sehen, was gemeint ist, wenn die Menschen sagen: Die Welt hat uns im Stich gelassen. Denn hier kämpfen sie um ihr Leben – und niemand hilft ihnen. Seit mehr als einem Monat herrscht im Nordosten Syriens Krieg. Und während europäische Staatsführer noch über die Errichtung sogenannter Schutzzonen diskutieren, werden hier Fakten geschaffen.

Die türkische Armee und ihre Milizen kämpfen nicht nur entlang der syrisch-türkischen Grenze, sondern rücken auch ins Land vor, vertreiben Menschen aus ihren Dörfern und bombardieren Zivilisten, Hilfskonvois und Ärzteteams. In den Ortschaften rund um die Kleinstadt Tell Tamer haben sich deshalb Kämpfer der kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in Stellung gebracht, um einen möglichen Einmarsch der türkischen Truppen abzuwehren.

Zu dem Bündnis gehören nicht nur Kurden, sondern auch religiöse Minderheiten wie die Christen. Viele von ihnen haben die Hoffnung aufgegeben, dass ihnen noch jemand helfen wird. So geht es auch Nisha Gorie. Sie ist 22 Jahre alt und Sprecherin der Fraueneinheit des Militärrats der Suryoye, einer christlichen Miliz. “Wir glauben nicht mehr an eine politische Lösung”, sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. US-Präsident Donald Trump bestimme jeden Tag neu, wer seine Freunde und wer seine Feinde seien, und die Europäer täten nichts: “So wie sie die Kurden betrogen haben, so haben sie auch uns Christen betrogen.”

Deshalb, sagt Gorie, müssten sie sich eben selbst schützen. Ihre Fraueneinheit wurde 2015 gegründet, um als Teil der SDF gegen den IS zu kämpfen, der zu dieser Zeit begann, christliche Dörfer anzugreifen und christliche Frauen zu entführen. “Wir wollten als Frauen unabhängig sein und uns wehren können”, sagt Gorie.

Das Ausbildungslager der christlichen Kämpferinnen liegt in Tell Najma, einem Dorf zwischen Hassaka und Tell Tamer. Sie nennen es Akademie: ein barackenartiges Haus auf einem Sandplatz, darum herum ein kleiner Schutzwall, dahinter Felder und Äcker. Hier lernen die Frauen mit Waffen umzugehen, sie bekommen Schulungen über ihre Herkunft, ihre Religion, die politische Situation.

Wie viele Frauen der Christenmiliz angehören, möchte Gorie nicht sagen. Es seien weniger als 100, sagt sie, genauer möchte sie nicht werden. Auch nicht zur Frage, wie sie sich an den Kämpfen beteiligen. Im Moment, sagt Gorie, pausierten sie mit dem Training, sie beobachteten die Lage. Noch hätten die Türken Tell Tamer nicht eingenommen, sagt sie. “Aber wenn das passiert, möchten wir vorbereitet sein.”